Wie Freiwilligenarbeit langfristig absichern?

(8. Juli 2015) Jahr für Jahr berichten Medien vor allem in den Sommermonaten von schweren Unwettern und den immensen Schäden, die dadurch verursacht werden. Eine hohe Anzahl an freiwilligen HelferInnen ist oft noch tagelang nach einem Ereignis mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. So auch Anfang Juni in Tirol, wo im Sellrain- und Paznauntal nach den Murenabgängen tausende Einsatzkräfte gefordert waren. Überflutungen und Vermurungen richteten auch in Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich schwere Schäden an. In Oberösterreich rückten in einigen Bezirken in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 2015 rund 1.500 Feuerwehrleute zu 660 Einsätzen aus.

© BH Perg

Mehr Einsätze in der Zukunft

 

Die Schäden aus Naturkatastrophen haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Dieser Trend wird sich auch zukünftig fortsetzen und somit zu vermehrten Einsätzen führen. Das Ausmaß der Schäden durch zunehmende Ereignisse wie Starkregen, Hochwasser, Muren und Hangrutschungen hängen jedoch entscheidend von der Siedlungsentwicklung ab. In Österreich befinden sich derzeit etwa 400.000 Gebäude in Hochwasserrisikozonen.

 

Einsatzorganisationen wie Feuerwehren und Hilfsorganisationen sind das Rückgrat des Katastrophenschutzes in Österreich. Gemäß dem zweiten Freiwilligenbericht, der 2015 erschienen ist, sind von den rund 3,3 Millionen Personen, die sich in Österreich freiwillig engagieren, derzeit ca. 360.000 Personen im Bereich der Katastrophen- und Rettungsdienste tätig. Wie kann dieser hohe Beteiligungsgrad auch zukünftig aufrechterhalten werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich das vom Klima- und Energiefonds geförderte Projekt VOICE – Voluntary work in disaster management – Challenges for adaptation to climate change“.

 

Freiwilligenorganisationen stehen vor vielen Herausforderungen: Neben der Siedlungsentwicklung zählen dazu die demografische Entwicklung, geänderte Anforderungen im Berufsleben, verändertes Freizeitverhalten, eine geringere Bereitschaft zum verbindlichen und langfristigen ehrenamtlichen Engagement und vor allem auch die klimawandelbedingte Zunahme an Einsatzfällen.

 

Maßnahmenentwicklung gemeinsam mit AkteurInnen im Katastrophenschutz

 

Um praxistaugliche Maßnahmen zur Sicherung der hohen Beteiligung von Freiwilligen an der Bewältigung von Katastrophenfällen zu entwickeln, wurden Workshops in den Bundesländern Vorarlberg, Steiermark und Niederösterreich, Interviews mit Schlüsselpersonen und eine umfassende Literaturrecherche durchgeführt.

 

In den Workshops wurden in interaktiver Form mit den TeilnehmerInnen bereits heute bestehende Herausforderungen diskutiert und davon notwendige Maßnahmen abgeleitet. Um den Blick von heute in die Zukunft zu richten, wurden mögliche Zukunftsbilder für das Jahr 2030 eingesetzt, wie z.  B. „Neues Stadtviertel“, „Pensionistendorf“, „Bio-Tourismusdorf“ etc. Die bereits identifizierten Maßnahmen wurden so auf ihre Zukunftstauglichkeit geprüft und ergänzt.

In die abschließende Diskussion der Maßnahmen waren nationale wie internationale ExpertInnen und AkteurInnen aus allen relevanten Bereichen eingebunden. Besonders anregend und wertvoll war der fachliche Austausch mit Philip C. Stittleburg (National Volunteer Fire Council USA), Matthias Max (Generalsekretariat Deutsches Rotes Kreuz) und Bianca Ely (Generalsekretariat Deutsches Rotes Kreuz) im Rahmen des Abschluss-Workshops in der Niederösterreichischen Feuerwehrschule in Tulln. In Arbeitsgruppen wurden dabei Themen behandelt wie:

  • Was macht das Ehrenamt attraktiv?
  • Wie bringe ich Familie, Beruf und Ehrenamt unter einem Hut?
  • Wie ist die Tageseinsatzbereitschaft aufrecht zu erhalten?
  • Wie sind Freiwillige zu rekrutieren?
  • Wie stärke ich die Eigenvorsorge?

Nähere Informationen zu den Workshops finden sich auf der Projektwebsite www.zukunft-katastrophenhelfer.at.

© riocom/Clemens Liehr

Ergebnisse als Bericht „Freiwilligenengagement in der Zukunft“ veröffentlicht

 

Die Ergebnisse aus dem Projekt und vor allem auch aus den Workshops sind in einem Bericht zusammen gefasst und online verfügbar. Die vorgestellten Maßnahmen stellen eine umfangreiche Sammlung dar und richten sich an unterschiedliche Zielgruppen wie Einsatzorganisationen, Gemeinden, Politik und Verwaltung, Unternehmen und die breite Bevölkerung. Sie adressieren so sämtliche AkteurInnen, die bei der Bewältigung von Katastrophen gefordert sind. Für jede der fünf Zielgruppen sind als Einstieg die Herausforderungen formuliert. Daran anschließend folgen die einzelnen Maßnahmen. Die Beschreibung der Maßnahmen erfolgt nach folgendem Schema:

  • Warum ist das notwendig?
  • Was soll damit erreicht werden?
  • Welche konkreten Schritte können gesetzt werden?
  • Wer ist zuständig?
  • Wer soll mitarbeiten?

Um die aufgelisteten konkreten Schritte greifbarer zu machen, sind Good-Practice–Beispiele sowohl aus dem In- als auch dem Ausland angeführt.

 

Da der Ist-Zustand und die Herausforderungen in den Gemeinden bzw. von Bundesland zu Bundesland variieren, sind die Verantwortlichen im Katastrophenschutz eingeladen, jene Maßnahmen aus dem Bericht herauszufiltern, die für sie von besonderer Bedeutung sind. Eine besondere Rolle kommt jedoch der Verwaltung und Politik zu, die gefordert ist, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen bzw. zu verbessern und damit den Grundstein für die langfristige Absicherung der Freiwilligenarbeit zu legen.

 

„Best of“ der Maßnahmen

 

Gemeinsam mit den eingebundenen AkteurInnen wurden folgende acht prioritäre Maßnahmen festgelegt, die für die langfristige Absicherung des Freiwilligenengagements und die Ausrichtung auf zukünftige Anforderungen als zentral gelten:

Maßnahmen…

… für Einsatzorganisationen

 

Für Einsatzorganisationen reichen die Maßnahmenbündel von der Entlastung der Einsatzkräfte, offensivem Recruiting über Organisationsstrukturen optimieren und verbessern bis hin zur Prävention in der regionalen und lokalen Planung unterstützen und der Stärkung der Eigenvorsorge in der Bevölkerung. Angeführte Good-Practice Beispiele zur Stärkung der Eigenvorsorge stammen u. a. von Philip C. Stittleburg (National Volunteer Fire Council USA): Freiwillige Einsatzkräfte führen Risikobewertungen von Privatgebäuden bei Hausbesuchen/Baubesprechungen durch und geben Tipps zur Eigenvorsorge hinsichtlich Waldbrandgefahr. Ein weiteres Vorzeigebeispiel zur Entlastung von Einsatzkräften ist das Fire Corps in den USA mit “Non-Emergency-Volunteers”: für den Ernstfall ausgebildete Einsatzkräfte werden für Einsätze freigespielt. Freiwillige, die nicht für Katastropheneinsatz geschult sind, übernehmen nicht-operative Aufgaben wie Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Wartung, usw., um die Kapazitäten von für den Einsatz geschulten Feuerwehrleuten voll nutzen zu können.

 

… für Gemeinden

 

Gemeinden haben im Katastrophenmanagement vielfältige und komplexe Aufgaben zu bewerkstelligen: Vom frühzeitigen Erkennen von Gefahren bis hin zur Koordinierung von Einsatzmaßnahmen, Krisenmanagement und Information der Bevölkerung. Auch die Finanzierung und Ausstattung der Freiwilligen Feuerwehren gehört zu den wichtigen Aufgaben von Gemeinden.

 

Gemeinden sind gefordert, mit unterschiedlichen Maßnahmen das Freiwilligenengagement und die Freiwilligenorganisationen im Ort zu unterstützen. Weitere wichtige Maßnahmen sind die Vorbereitung für den Krisenfall durch eine Optimierung der Organisationsstrukturen und der Abläufe. Zusätzlich ist die Verankerung von Naturgefahren und Klimawandel in die Instrumente der Gemeinde eine wesentliche Maßnahme. Ein Leitfaden für Gemeinden der Europäischen Akademie in Bozen zeigt Handlungsmöglichkeiten für Verantwortliche auf lokaler Ebene, eine Checkliste für mögliche Maßnahmen sowie Anregungen und Tipps aus der Praxis.

 

… für Unternehmen

 

Die Rolle der Unternehmen in der Gestaltung und Sicherung des freiwilligen Engagements wird künftig an Bedeutung gewinnen. Außer Streit steht, dass bereits heute vor allem für kleine und mittlere Betriebe die in der Regel nicht planbaren Einsätze eine große Herausforderung darstellen.

 

Zahlreiche Ideen und Anregungen für Unternehmen sind in einer Beispielsammlung des Landes Oberösterreich aufgelistet. Die Broschüre zeigt auch den Nutzen auf, wie z. B. verbesserte Sozial- und Problemlösungskompetenzen freiwillig Engagierter und positives Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit. Zu Maßnahmen für Unternehmen zählen u.a. die Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt zu fördern und verstärkt mit Freiwilligenorganisationen zu kooperieren.

 

Zahlreiche Unternehmen fördern ehrenamtliches Engagement ihrer MitarbeiterInnen bereits heute auf unterschiedliche Weise: etwa durch Sachspenden, die Bereitstellung von Infrastruktur oder temporäre Freistellung.

 

… für BürgerInnen

 

Vorsorgemaßnahmen dienen nicht nur dazu, die eigene Sicherheit zu erhöhen, sondern entlasten und unterstützen wesentlich die Arbeit der Einsatzkräfte. Angesichts der vielfältigen Herausforderungen, wie z. B. demografische Entwicklung, Abwanderung aus ländlichen Gebieten oder steigende (zeitliche) Anforderungen im Beruf, ist dies grundlegend, um den Katastrophenschutz langfristig absichern zu können. Die Maßnahmen zielen vor allem darauf ab, aktiv Informations- und Beratungsangebote zu nutzen und die Eigenvorsorge zu stärken.

 

Empfehlungen für die Politik und Verwaltung

 

Der Erhalt des Ehrenamtes mit qualifizierten, in professionellen Organisationen wirkenden freiwilligen Einsatzkräften ist eine Frage von übergeordneter Bedeutung. Ehrenamtliche Kräfte sind unverzichtbar für eine schlagkräftige Katastrophenbewältigung und zur Vermeidung bzw. Minimierung wirtschaftlicher Schäden. Der Bericht listet eine Reihe von Ansatzpunkten auf, wie die Rahmenbedingungen für das Freiwilligenengagement erhalten und verbessert werden können. Unter anderem sind Bund und Länder auch gefragt, Einsatzorganisationen bei der Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen und den Wert der Freiwilligenarbeit zu kommunizieren. Eine wichtige Rolle besteht auch in der Bereitstellung entsprechender Datengrundlagen, die als Basis für Investitionsentscheidungen betreffend der Ausrüstung, für die Planung zukünftiger Einsätze und den Aufbau von ausreichenden Kapazitäten herangezogen werden können.

Weiterführende Informationen:

 

Projektleitung:

Sebastian Seebauer, Wegener Center für Klima und globalen Wandel

 

Projektpartner:

Umweltbundesamt GmbH
riocom - Ingenieurbüro für Kulturtechnik und Wasserwirtschaft
Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung, Österr. Akademie der Wissenschaften

  

Projektlaufzeit:

März 2013 - April 2015

 

VOICE Projektwebsite

 

 

Zu weiteren Forschungsprojekten

Letzte Änderung: 08.07.2015