Nachhaltiges Regenwassermanagement – Was tun mit dem Regenwasser?

(9. November 2016) Durch die zunehmende Versiegelung des Bodens sowie durch Bebauung und Infrastruktur wird der natürliche Weg des Niederschlagswassers in den Boden weitgehend unterbunden. Das Wasser wird direkt in das Kanalsystem eingeleitet. Immer häufiger bringen jedoch Starkniederschlagsereignisse die Aufnahmekapazität der Kanalsysteme an ihre Grenzen – mit oft verheerenden Folgen für die betroffene Bevölkerung. Als Ergänzung zu den altbewährten Entwässerungssystemen, bei welchen das Wasser überwiegend in den Kanal abgeleitet wird, gibt es eine Reihe an Möglichkeiten, nachhaltig mit Niederschlagswasser umzugehen und so die Kanalsysteme zu entlasten. Welche der zahlreichen Möglichkeiten zum Regenwassermanagement eingesetzt werden kann, hängt vor allem von der Nutzung eines Grundstücks und vom vorhandenen Freiraumangebot ab.

 

Warum nachhaltige Regenwassernutzung?

 

Nachhaltige Regenwassernutzung hat zum Ziel, das Wasser versickern oder verdunsten zu lassen, es temporär zwischen zu speichern, zu nutzen und / oder zeitverzögert an den Wasserkreislauf zurückzuführen. Neben zahlreichen Vorteilen für Mensch und Umwelt bringt eine moderne Regenwasserbewirtschaftung auch Kosteneinsparungen bei der Abwasserentsorgung (z.B. bei der Sanierung von Kanalstrecken) mit sich.

© Vera Enzi und Urike Pitha, 2013
Versickerung, Retention und Verdunstung, Speicherung und Wiederverwendung – drei Strategien des Regenwassermanagements für Städte (© Vera Enzi und Urike Pitha, 2013)

Regenwasserversickerung in der Fläche

 

Eine Versickerung von Niederschlagswasser auf offenporigen Oberflächen vor Ort (z.B. durch Flächenversickerung, Muldenversickerung, Retentionsraumversickerung oder Dach- und Fassadenbegrünung), schafft eine Reihe von Vorteilen: Das Wasser wird im natürlichen Kreislauf belassen und dem Grundwasser zugeführt – ein Gewinn für den Wasserhaushalt. Im Sinne des Grundwasserschutzes sollte nur nicht verschmutztes, bzw. gering verschmutztes Regenwasser versickert werden.

     

  • Die Flächenversickerung kommt der natürlichen Versickerung am nächsten. Hier erfolgt die Versickerung des Regenwassers über offene begrünte oder durchlässig befestigte Oberflächen in den Untergrund.
  • Bei der Retentionsraumversickerung wird das Regenwasser einem abgedichteten Teich, Feuchtbiotop oder Graben zugeleitet, dort gespeichert und erst bei hohen Wasserständen über eine nahe Versickerungsfläche oder über offene Böschungsflächen dem Untergrund zugeführt.
  • Bei der Muldenversickerung hingegen wird das von befestigten Flächen abgeleitete Niederschlagswasser in flachen, begrünten Mulden / Vertiefungen vorübergehend zwischengespeichert, bevor es in den Boden versickert. Eine andere Art von Versickerungsmulden sind die so genannten „Raingardens" (Regengärten). Diese Mulden werden vorzugsweise mit Wildpflanzen bepflanzt, die einen Zierwert aufweisen und an wechselfeuchte Bodenverhältnisse angepasst sind.
  • Rohr- oder Rigolenversickerungen lassen das Wasser über perforierte Rohrsysteme in den Untergrund austreten.
  • Mulden-Rigolenversickerungen kombinieren die Vorteile beider Systeme.
© Illustration: Nora Matyas, Bearbeitung Birgit Rieger
links: Rigolenversickerung, rechts: Mulden-Rigolenversickerung (Illustration: Nora Matyas, Bearbeitung Birgit Rieger)

Regenwasserversickerung an Gebäuden

 

Maßnahmen an Gebäuden sind beispielsweise die Dach- und Fassadenbegrünung. Diese grünen Flächen in dicht verbauten Gebieten entlasten nicht nur das Kanalnetz bei Starkregenereignissen sondern dienen auch der Luftreinhaltung, dem Hitzeschutz und tragen auch zu einer potenziellen Erhöhung der Biodiversität bei. Der Mehrfachnutzen für die BewohnerInnen zeigt sich durch eine Erhöhung der Lebensqualität. Es lässt sich zwischen intensiver und extensiver Dachbegrünung unterschieden. Extensivbegrünungen bestehen aus dünnschichtigen Aufbauten, bei denen die Pflanzen sich weitgehend selbst erhalten und die Pflege dementsprechend gering ist. Intensiv bewirtschaftete Dachbegrünungen sind eine vollwertige und gänzlich nutzbare Grünanlage auf dem Dach.

© Illustration: Nora Matyas, Bearbeitung Birgit Rieger
oben: extensive Dachbegrünung mit Retentionsdach, unten: intensive Dachbegrünung (Illustration: Nora Matyas, Bearbeitung Birgit Rieger)

Regenwasserspeicherung und Verdunstung

 

Neben der Versickerung spielt auch die Verdunstung eine wichtige Rolle für ein umfassendes Regenwassermanagement. Hier geht es darum, den Abfluss zu verzögern und das Niederschlagswasser so lange wie möglich an der Oberfläche zu halten. Die oberflächige Versickerung begünstigt die Verdunstung. Besonders bei Dachbegrünungen ist die Verdunstung ein wesentlicher Faktor. Grüne Dächer speichern bis zu 90% des Regenwassers und verdunsten dieses über die Vegetation und das Substrat. Auch Teiche oder Wasserbecken ermöglichen die Verdunstung über Wasseroberflächen und Pflanzen.

 

Regenwassernutzung

 

Niederschlagswasser kann temporär in Speichermedien zurückgehalten werden und für eine nachfolgende Nutzung, wie etwa für Bewässerungszwecke, WC-Spülungen oder die Waschmaschine gesammelt werden. Dies entlastet die Kanalisation bei Starkregen und reduziert den Trinkwasserverbrauch sowie die Entnahme von Grundwasser.

© ussatlantis – Fotolia.com

Der Klimawandel wird zukünftig zu mehr Hitzetagen, Hitzewellen und zu höheren Extremtemperaturen führen. Da Hitzewellen den Wasserverbrauch steigen lassen, spielt die nachhaltige Regenwassernutzung eine zunehmend wichtige Rolle bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels.

 

Die Möglichkeiten, mit Regenwasser nachhaltig umzugehen, sind vielfältig. Städte, Gemeinden und auch Einzelhaushalte sind aufgerufen, in ihrem Verantwortungsbereich zu handeln. Förderprogramme können ein Umdenken wirkungsvoll unterstützen und ein umweltpolitisch vorbildliches Verhalten innerhalb der Bevölkerung honorieren. Dass dies funktioniert, belegen zahlreiche Beispiele aus der Praxis.

 

Fördermöglichkeiten und Praxisbeispiele

In Österreich werden etliche Maßnahmen gesetzt, um die Nutzung von Regenwasser zu forcieren. In zahlreichen Bundesländern, Städten und Gemeinden in Österreich werden Förderungen zur Errichtung von Regenwassernutzungsanlagen angeboten. So fördert beispielsweise die Stadt Linz die Errichtung einer Regenwassernutzanlage mit unterirdischem Wasserspeicher zur Bewässerung der Außenanlage, zur Reinigung von Fahrzeugen bzw. für WC-Spülungen im Stadtgebiet Linz. Burgenland fördert die Errichtung einer Regenwassernutzungsanlage mit 30 % nichtrückzahlbarem Zuschuss ¬– gedeckelt mit 1.800 Euro. Hier ist es angebracht, sich zusätzlich beim zuständigen Gemeindeamt zu erkundigen, denn einige Gemeinden gewähren eine Förderung zusätzlich zur Landesförderung.

 

Die Stadt Wien verfolgt bereits seit Jahren ein vielseitiges Strategieprogramm, um ein nachhaltiges Regenwassermanagement in der Stadt zu forcieren. Hierzu wurden unter anderem ein „Motivenbericht zum Integrativen Regenwassermanagement", rechtliche Grundlagen dazu und umfangreiches Informationsmaterial zusammengetragen und veröffentlicht. Mehrere Magistratsabteilungen sowie Wien Kanal arbeiten verstärkt für den Einsatz von Regenwassermanagement in der Stadt (MA 22). Im Zuge des Motivenberichts wurde eine Vielzahl an Projektbeispielen zu Regenwassermanagement recherchiert. Diese Sammlung zeigt sowohl typische Beispiele als auch die Bandbreite von Lösungen für ein nachhaltiges Regenwassermanagement unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen.

© www.hotelstadthalle.at Boutiquehotel Stadthalle (www.hotelstadthalle.at )

Ein überzeugendes Beispiel für ein durchdachtes Regenwassermanagement ist auch das Boutiquehotel Stadthalle in Wien. Das Gebäude wurde zu einem Nullenergiehaus umgebaut und um einen eingeschossigen Gebäudekomplex mit Gründach erweitert. Diese Gründachflächen werden als Wasserretentionsflächen genutzt und dienen zur Kühlung des Hotelaußenraums. Auch die Hotelfassaden sind mit bodengebundenen Begrünungen ausgestattet. Darüber hinaus wurde eine Regenwasserzisterne mit insgesamt 10.000 l Fassungsvermögen errichtet. Das gesammelte Regenwasser wird zur Bewässerung der Grünanlage sowie für die hoteleigenen WC-Anlagen genutzt.

 

Ein ähnliches Beispiel ist das Bürogebäude der Firma SONNENTOR. Neben einer ökologischen Bauweise haben alle seit 2004 errichteten Gebäude begrünte Dächer. Um kostbares Trinkwasser zu sparen, wird Regenwasser in einer 8000-Liter-Regenwasser-Zisterne gesammelt und für die Toilettenspülung genutzt. Für sein Engagement erhielt SONNENTOR bereits zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den österreichischen Klimaschutzpreis im Jahr 2011.

Zum Thema

Daten

Weitere Informationsquellen und Links zum Thema:

Die Broschüre „Regenwassermanagement. Nachhaltiger Umgang mit wertvollem Regenwasser" der Stadt Wien gibt einen guten Überblick über einen bewussten Umgang mit Niederschlagswasser. Wichtige Funktionen von Regenwasser, unterschiedliche Möglichkeiten der Rückhaltung sowie Maßnahmen zur Vermeidung von vollständig versiegelten Flächen werden beschrieben. Weitere Informationen bieten auch die Websites der Stadt Wien, "die umweltberatung" oder die Energie- und Umweltagentur NÖ.

Hintergrundinformationen vom Magistrat der Stadt Wien, Wiener Umweltschutzabt. MA22

Integratives Regenwassermanagement - Motivenbericht (2010) 4 MB PDF

Integratives Regenwassermanagement - Beispielsammlung (2010) 7 MB PDF

Regenwasserversickerung  Leitfaden für Versickerungselemente auf Privatgrund

Praxisbeispiele

Wasser sparen und Regenwassernutzung

 

Einige Bundesländer haben zur Unterstützung von Gemeinden einen Leitfaden zum Umgang mit Oberflächenwasser erstellt. Z.B.:

Steiermark: Leitfaden für Oberflächenentwässerung

Niederösterreich: Leitfaden Naturnahe Oberflächenentwässerung

Vorarlberg: Oberflächenentwässerung, Leitfaden zum Umgang mit Niederschlagswässern aus Gewerbe-, Industrie- und Verkehrsflächen

Tirol: Leitfaden: Entsorgung von Oberflächenwässern [PDF]

Oberösterreich: Beseitigung von Dach-, Parkplatz- und Straßenwässern

ÖWAV-Leitfaden: Kommunaler Wasserentwicklungsplan

Letzte Änderung: 09.11.2016