IRIS betritt Neuland in der Flussplanung

Im Jänner 2019 startete das erste LIFE IP Projekt Österreichs. Das Projekt IRIS betritt in vieler Hinsicht Neuland in der Flussplanung. Für sieben österreichische Flüsse werden ökologische Maßnahmen erarbeitet. Die Planung vereint Hochwasserschutz und Umweltschutz. Projektleiterin Helena Mühlmann erklärt im Gespräch, was die Besonderheiten und Herausforderungen des Projekts sind und was das Projekt für die Anpassung an den Klimawandel bringt.

Wie gehen wir mit dem Lebensraum Fluss um, so dass alle etwas davon haben? Idealerweise so, dass Hochwasserschutz, Umweltschutz und Gewässerökologie, aber auch die Nutzungen durch den Menschen gesamthaft betrachtet werden. Dies ist das Ziel des integrierten LIFE-Projekts „IRIS – Integrated River Solutions in Austria“ und verfolgt damit einen ganz neuen Ansatz. Bisher wurden Fluss-Maßnahmenkonzepte überwiegend auf einen dieser drei Aspekte ausgerichtet. Das hat dazu geführt, dass unzählige Einzelprojekte umgesetzt wurden, die sich aber teilweise widersprochen haben.

An sieben österreichischen Flüssen werden auf einer Gesamtlänge von knapp 600 Flusskilometern integrierte Planungsprozesse, sogenannte Gewässerentwicklungs- und Risikomanagementkonzepte – kurz „GE-RM“ – durchgeführt. Der GE-RM-Planungsprozess hat das Ziel, eine koordinierte, räumlich übergeordnete Maßnahmenplanung zu fördern und Synergien aus allen Bereichen zu nutzen. Das Ergebnis dieser Planungen sind aufeinander abgestimmte Maßnahmenkonzepte, die sowohl die ökologischen Ziele als auch die Erfordernisse des Hochwasserschutzes für das Gewässer berücksichtigen.

Die Projektleiterin Helena Mühlmann erzählt in einem Interview von den Herausforderungen und Besonderheiten des Projekts, das im Jänner 2019 startete.

Klima | Wandel | Anpassung: Welche Rolle spielen Sie im Projekt IRIS?

Helena Mühlmann: Wir vom BMNT sind die leitende Institution des Projekts. Gegenüber der EU, die das Projekt fördert, treten wir als koordinierende Stelle auf. Das heißt, wir haben den Antrag für das LIFE-Projekt eingebracht und wickeln das Projekt ab.

Was ist das Ziel des Projekts und wie läuft es ab?

Ziel der EU ist es, dass die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL), die den guten ökologischen Zustand unserer Gewässer zum Ziel hat, mit der Hochwasserschutz-Richtlinie abgestimmt wird, so dass Maßnahmen aus den beiden Richtlinien koordiniert abgewickelt werden. Eines der Projektziele ist also, diesen Abstimmungsprozess anzustoßen und durchzuspielen.

Um das zu erreichen, gibt es bereits ein Konzept – das Gewässerentwicklungs- und Risikomanagementkonzept GE-RM. In IRIS wenden wir das GE-RM-Konzept für sieben Pilotgewässer an. Das ist ein sehr komplexer Prozess, weil sehr viele Bereiche und Nutzungen hineinspielen, wie z. B. Tourismus, Fischerei oder Wasserkraftwerke. Damit verbunden ist ein großer Partizipationsprozess mit allen Beteiligten. Im Rahmen des GE-RM wird für jedes Gewässer ein Maßnahmenprogramm erarbeitet. Im Projekt IRIS spielen wir diesen Prozess für die sieben Gewässer durch, um zu sehen, wie dieser Partizipationsprozess ablaufen kann, wen man einbinden und vernetzen muss, welche Daten man braucht usw. Mit diesen Erfahrungen wollen wir anschließend den GE-RM-Leitfaden überarbeiten.

Im Großen und Ganzen geht es aber darum, unsere Flüsse lebenswert zu machen. Das ist sehr wichtig, weil 60 % der österreichischen Gewässer ökologisch gesehen in einem mäßigen bis schlechten Zustand sind und die Ziele der WRRL nicht erfüllen.

Welche Flüsse werden in IRIS bearbeitet und warum gerade diese?

Die sieben Pilotgewässer sind die Donau in Oberösterreich inkl. Zubringer Untere Traun, die Enns in Salzburg und in der Steiermark, die Drau/Isel in Tirol, die Leitha in Niederösterreich und Burgenland, die Lafnitz in der Steiermark und im Burgenland und die Pielach in Niederösterreich.

Iris Pilotgebiete
Überblick über die sieben Pilotgewässer im Projekt IRIS

Gemeinsam mit den Projektpartnern haben wir überlegt, welche Flüsse für das Projekt geeignet sind. Es war ein langer Abstimmungsprozess. Wir haben versucht, verschiedene Gewässertypen und sowohl lange als auch kurze Abschnitte dabei zu haben, bei denen es Handlungsbedarf im Hochwasserschutz und in der Gewässerökologie gibt. Wir wollen untersuchen, wie GE-RM für verschiedene Gewässertypen und -größen funktioniert. Unser zweiter Fokus war, grenzüberschreitende oder grenzbildende Flüsse auszuwählen. Bei diesen ist die Abstimmung des Prozesses und der Maßnahmen zwischen den beteiligten Bundesländern notwendig und das ist absolutes Neuland. Betroffen sind die Enns als grenzüberschreitender Fluss und die Leitha und Lafnitz als grenzbildende Flüsse.

Werden im Projekt auch Maßnahmen direkt am Fluss durchgeführt?

Ja, auch konkrete integrative Maßnahmen mit Verbesserungen für Ökologie und Hochwasserschutz sollen gesetzt werden, wie z. B. Flussaufweitungen. Es ist aber teilweise noch offen, welche Maßnahmen möglich und sinnvoll sind, das wird im Zuge des GE-RM Prozesses entwickelt. An der Donau ist beispielsweise eine Insel mit Nebenarmbereichen angedacht.

Beispiel für mögliche Maßnahmen an der Donau im Projekt IRIS
Beispiel für mögliche Maßnahmen an der Donau im Projekt IRIS

Was ist das Besondere am Projekt IRIS?

Wir betreten viel Neuland. Es ist neu, so viele verschiedene Institutionen in die Erarbeitung eines Gewässerkonzepts einzubinden. Es geht darum, die verschiedenen Verwaltungseinrichtungen zusammenzubringen, die übergreifende Zusammenarbeit zwischen den Institutionen zu fördern, die verschiedensten Stakeholder mit ins Boot zu holen – die Verwaltung, betroffene Nutzergruppen und die Bevölkerung.

Dass Flussbau und Gewässerökologie auf Augenhöhe miteinander arbeiten, hat es in Österreich bisher noch nicht gegeben. Das ist ein spannender neuer Weg.

Ein Schwerpunkt im Projekt liegt außerdem bei der Öffentlichkeitsarbeit. Der Mehrwert von ökologischen Maßnahmen an Flüssen soll auch im Bewusstsein der Bevölkerung ankommen. Für viele Menschen ist es nicht relevant, dass ein bestimmter Fisch in einem Fluss schwimmen kann. Darum wollen wir anhand von soziokulturellen Faktoren erheben und nach außen kommunizieren, was eine Flussrenaturierung für eine Region und für die Bevölkerung bringt. Die Leute sollen die Vorteile eines naturnahen Flusses kennen und diese auch für die Gewässer in ihrer Region einfordern.

Was sind die Herausforderungen bei dem Projekt?

Ein LIFE Projekt ist generell eine Herausforderung, weil es viele Vorgaben der EU-Kommission gibt. Fachlich ist es herausfordernd, gemeinsam mit allen Beteiligten die beste Lösung für ein Gewässer zu suchen. Finanziell ist die Herausforderung, da ökologische Hochwasserschutzmaßnahmen oft teurer sind als traditionelle, bei dem die Flüsse verbaut werden. Bis jetzt läuft es aber sehr gut und die beteiligten Länder und Partner sind sehr engagiert.

Wie trägt IRIS zur Anpassung an den Klimawandel bei?

Durch den Klimawandel wird es mehr Extremwetterereignisse wie Starkregen geben, mit Folgen wie Hangwässer und Überschwemmungen. Wir müssen die Gewässer fit für diese Veränderungen machen. Flüsse brauchen wieder mehr Platz, um Hochwasser puffern und Starkregenereignisse aufnehmen zu können und das Wasser von den Siedlungsräumen fernzuhalten. Diese Effekte wurden auch im Projektantrag argumentiert, auch wenn dies nicht der Hauptfokus des Projekts ist.

Zum Abschluss reisen wir kurz in die Zukunft. Stellen Sie sich vor, wir befinden uns im Jahr 2030, das Projekt IRIS ist vor kurzem abgeschlossen worden: Über welche Erfolge freuen Sie sich am meisten?

Über einen positiven Abschluss bin ich schon sehr glücklich (lacht). Mit dem Projekt wollen wir einen Paradigmenwechsel in der österreichischen Flussplanung einläuten. Es soll selbstverständlich werden, die Ziele des Hochwasserschutzes mit ökologischen Maßnahmen zu verschränken. Das langfristige Ziel ist doch, natürliche Flusslebensräume in Österreich zu haben, die man besuchen und genießen kann. Davon haben dann alle etwas.

Vielen Dank für das Interview! 

Hintergrund:

Projektleitung: Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, Sektion I – Umwelt und Wasserwirtschaft

Projektpartner: Bundeswasserbauverwaltungen der Länder Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol und Burgenland sowie die viadonau (Österreichische Wasserstraßen-Gesellschaft mbH) und die Umweltbundesamt GmbH

Laufzeit: 2019 bis 2028 (9 Jahre)

Budget: 16,5 Mio. Euro (10 Mio. EU-Förderung und 6,5 Mio. Finanzierung aus Österreich)

LIFE Projekte: LIFE ist ein EU-Förderprogramm, das ausschließlich Umwelt- und Naturschutzvorhaben finanziell unterstützt. Seit dem Start des Programms LIFE durch die Europäische Kommission im Jahr 1992 sind in Österreich insgesamt 110 Projekte finanziert worden. Insgesamt wurden 305 Mio. Euro in diese Projekte investiert, von denen 133 Mio. Euro von der Europäischen Union beigetragen wurden.

LIFE IP: Integrierte LIFE Projekte („LIFE-IP-Projekte“) wurden 2014 in das Förderprogramm eingeführt. Sie dienen der direkten Umsetzung von EU Umwelt- und Klimaplänen und -Strategien. 

(AS, April 2019)