„Das ganze Jahr Luft wie zu Silvester“

So beschreibt Miriam Schönbrunn den Geruch von Kohle, der in Katowice jeden Tag in der Luft liegt und schwarze Ränder unter den Fenstern hinterlässt. Zwölf junge Leute aus Österreich waren im Dezember bei der COP24 in Polen. Als Jugenddelegierte hat Miriam an den Verhandlungen teilgenommen. In einem Interview erzählt sie über ihre Eindrücke von den Verhandlungen, der Klimapolitik und der Rolle der Zivilgesellschaft.

Jugendliche im COP Sign out

Klima | Wandel | Anpassung: Miriam, du warst als Jugenddelegierte bei der COP24 in Katowice dabei. Wie kam es dazu?

Miriam Schönbrunn: Das BMNT gibt jedes Jahr vier Jugendlichen die Möglichkeit, zur COP zu fahren. Abgewickelt wird das Ganze über den Verein CliMates Austria, den ich mitgegründet habe. Wir haben ein System entwickelt, nach dem jedes Jahr zwei Junior- und zwei Senior-Delegierte zu den Klimaverhandlungen fahren. Das erste Mal ist man als Junior dabei, im Jahr danach übernimmt man die Rolle des Seniors und unterstützt die neuen Jugenddelegierten quasi als Mentor. Ich war diesmal als Senior-Delegierte mit dabei, weil ich letztes Jahr schon bei der COP23 in Bonn war.

Über das Climate Action Network, ein internationaler Zusammenschluss verschiedener Klimaschutzorganisationen, bei dem auch CliMates dabei ist, konnte acht weiteren Jugendlichen die Teilnahme an der COP24 ermöglicht werden.

Welche Aufgabe hattest du als Jugenddelegierte bei der Klimakonferenz?

Im Wesentlichen ging es darum, die Inhalte der COP verständlich herunter zu brechen und für Jugendliche interessant aufzubereiten. Wir haben auf verschiedenen Social-Media-Kanälen über die Verhandlungen informiert. Über Instagram, Twitter, Facebook und den Blog klimareporter.in haben wir berichtet, was passiert ist und in einem WhatsApp-Newsletter ein tägliches Resümee gezogen.

Die meisten von uns haben sich auf ein konkretes Thema konzentriert. Mein Kollege z. B. hat sich eher in der Pavillon-Area aufgehalten und die Aktionen der Zivilgesellschaft verfolgt. Ich war direkt bei den Verhandlungen dabei und habe außerdem bei einer Arbeitsgruppe zum Thema Transparenz mitgearbeitet. Das ist eine Arbeitsgruppe der offiziellen UNFCCC-Jugendvertretung YOUNGO, bei der alle unter 30 mitmachen können. Dabei geht es darum, Jugendlichen im internationalen Prozess die Möglichkeit zu geben, gehört zu werden. Denn sie werden die Generation sein, die von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen sein wird. Daher gehen junge Menschen oft viel emotionaler mit dem Thema um als viele Diplomaten, die durch ihre jahrelange Arbeit den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

In den Verhandlungen sind die Jugenddelegierten de facto Beobachter. Im Gegensatz zu NGOs und Journalisten haben die Jugenddelegierten allerdings Zutritt in alle Verhandlungsräume. NGOs dürfen nur in ausgewählte Räume.

Die österreichische Jugenddelegation mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen
Die österreichische Jugenddelegation mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen

Wurdet ihr vor der Konferenz auf diese Aktivitäten vorbereitet?

Ja, es gab vor und nach der COP Events, die wir von CliMates Austria veranstaltet haben. Vor der COP war es ein Training über die Verhandlungsthemen, den Status Quo und Erwartungen an die COP24. Danach gab es eine Veranstaltung, bei der wir das Paris Rulebook analysiert haben.

Wie kann man sich den Ablauf der Verhandlungen als Außenstehender vorstellen?

Ganz ehrlich – die Verhandlungen sind sehr trocken und spielen sich auf einer sehr technischen Ebene ab. Es ist eine große Wortklauberei, bei der kleinste Details in den Formulierungen sehr lange diskutiert werden. Aber es macht eben doch einen Unterschied in der Bedeutung, ob eine Maßnahme von der Staatengemeinschaft nur „akzeptiert“ wird oder „begrüßt“. So wurde das Regelwerk Abschnitt für Abschnitt bearbeitet.

Verhandelt wird hauptsächlich in kleineren Verhandlungsgruppen von Delegierten (z. B. die Afrikanische Gruppe, EU, usw.). Expertinnen und Experten der verschiedenen Fachbereiche verhandeln über Textabschnitte, die ihre Position dann vor dem Plenum vertreten. Im Plenum wird schlussendlich zusammen über den erarbeiteten Textentwurf abgestimmt. Dabei hat jedes Land eine abzugebende Stimme. Österreich hatte bei dieser COP eine wichtige Rolle, da wir den EU-Präsidentschaftsvorsitz hatten und daher die Verhandlungen der EU-Gruppe koordiniert haben.

Die Verhandlungen laufen auf einer sehr diplomatischen Ebene ab. Es werden keine Emotionen gezeigt, daher wirkt es sehr trocken. Hinter den sachlichen Formulierungen stehen aber häufig sehr scharfe Äußerungen. Manche Staaten versuchen, mit Nebensächlichkeiten abzulenken. Zum Beispiel hat ein Vertreter Saudi-Arabiens dem Vorsitzenden vorgeworfen, bei allen Wortmeldungen mitzuschreiben, außer bei denen Saudi-Arabiens.

Verhandlungssaal der UN-Klimakonferenz in Katowice
Verhandlungssaal der UN-Klimakonferenz in Katowice

Wie ging es dir damit, den Verhandlungen zu folgen?

Man ist viel damit beschäftigt, dem aktuellen Thema zu folgen. In den Verhandlungen wird das Thema nicht benannt, sondern alles bezieht sich auf Punkte und Kapitel im Verhandlungstext. Ohne Vorbereitung schafft man es nicht, sich in zwei Wochen einen Überblick zu verschaffen. Früher wurden die Jugenddelegierten darauf nicht vorbereitet, das ist jetzt glücklicherweise anders. Mit dem Training im Vorfeld schafft man es besser, den Verhandlungen zu folgen bzw. bringt man bereits ein Grundverständnis zum Ablauf dieser Konferenz mit. Trotzdem ist es eine Herausforderung.

Wie hast du die Stimmung bei den Verhandlungen wahrgenommen? Auch im Vergleich zur COP23 in Bonn, bei der du schon dabei warst?

Insgesamt war die Atmosphäre bei der COP23 positiver. Das Vorsitzland Fidschi hat die COP viel emotionaler gestaltet, weil es als Inselstaat direkt vom Klimawandel betroffen ist.

Die polnische Präsidentschaft hat eher das Gegenteil vertreten und wollte vermitteln, dass es kein Problem ist, für die nächsten 100 Jahre weiter Kohleenergie zu nutzen. Die Stimmung war eher trüb, weil die Befürchtung vorherrschte, dass die Verhandlungen nicht abgeschlossen werden können. Der Kohlegeruch in der ganzen Stadt hat die Atmosphäre zusätzlich gedrückt. Bis Mitte der zweiten Woche gab es noch sehr viel Text, über den noch verhandelt werden musste. Am Ende war es eher ein Warten, dass die einzelnen Verhandlungsgruppen Textabschnitte entwerfen. Schließlich wurde das Rulebook doch noch am Samstag in der Nacht verabschiedet. Das haben wir aber nur mehr vom Zug aus verfolgt, da wir schon auf dem Rückweg waren.

Wie hast du die Side Events erlebt?

Es gibt ja unglaublich viele Side Events. Alles kann man da gar nicht mitbekommen. Oft klingen die Events interessant, aber es ist dann doch nicht so viel dahinter. Spannend fand ich eine Session der Oxford University, wo es um den Zusammenhang von Klimawandel, Landwirtschaft und unseren Ernährungsgewohnheiten ging. Von Greenpeace gab es ein Gebäude gleich ums Eck des COP-Geländes, wo viele interessante Veranstaltungen stattgefunden haben. Da ging es vor allem um die Rolle der Zivilgesellschaft und was jeder Einzelne auf individueller Ebene beitragen kann.

Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg hat mit ihrer Rede die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gewonnen. Weltweit streiken Schülerinnen und Schüler jede Woche unter dem Motto „Fridays for Future“ gegen den Klimawandel und rufen die Politik zum Handeln auf. Waren diese Aktionen bzw. die Aktivisten bei der COP vor Ort für die Staatenvertreter ein Thema? Inwiefern haben sie die Verhandlungen beeinflusst?

Die Verhandlungen selbst wurden dadurch eher weniger beeinflusst. Aber für die Zivilgesellschaft war das sehr wichtig. Dort bewirkt sie enorm viel. Sie schafft es, das Thema emotional rüberzubringen und reißt damit die Leute enorm mit. Sie schafft es, dass Leute aufstehen und überall auf der Welt protestieren. Auch in Österreich machen immer mehr bei den Fridays-for-Future-Streiks mit. Zuerst in Wien am Heldenplatz und mittlerweile auch in weiteren Landeshauptstädten.

Was nimmst du von der COP für deine Arbeit und für dich persönlich mit?

Für mich war es sehr spannend zu sehen, wie so ein internationaler Prozess funktioniert. Jetzt ist mir klarer, warum das alles so lang dauert und man als Zivilperson oft keinen Fortschritt erkennt. Es steckt ein enormer Aufwand dahinter, 196 Staaten mit unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen und einen Konsens zu finden.

Sehr wichtig war für mich auch die Vernetzung mit anderen Jugendlichen und jungen Leuten aus der ganzen Welt. Letztes Jahr bei der COP habe ich die internationale Organisation CliMates kennengelernt. Daraufhin haben wir in Österreich einen Verein als Zweigstelle gegründet. Es war gut, sich mit anderen jungen Leuten auszutauschen und zu erfahren, wie sie in ihrem Land organisiert sind. Die Niederlande sind da zum Beispiel schon sehr weit.

Es ist toll, dass Jugendliche an den Klimaverhandlungen teilnehmen können und für mich wurde besonders deutlich: Eine ambitionierte Klimapolitik ist unabdingbar. Aber um die Klimaziele zu erreichen, braucht es eine starke Zivilgesellschaft, die sich engagiert und dafür aufsteht.